Was bedeutet Segen im Alten Testament?

Was ist Segen?

Jeder Mensch wird gerne gesegnet, denn jeder wünscht sich, dass es ihm selbst gut geht. Heute sagen wir dazu eher “ich wünsche dir Glück” oder “alles Gute”. Oft denken wir in dem Zusammenhang gar nicht an Gott, sondern nehmen “das Gute” einfach aus der Hand des Schicksals oder weisen es einem glücklichen Umstand oder dem Zufall zu.

Warum sehnen wir uns so sehr danach, Gutes von einer externen Quelle zugesprochen und zugewiesen zu bekommen, obwohl sich heutzutage doch als “seines Glückes Schmied” versteht?

Um das zu verstehen, müssen wir uns zuerst die Wurzel des Wortes “Segen” anschauen.

Woher kommt der Begriff Segen

Die Wurzel des Segensbegriffs

  1. Das althochdeutsche Wort segan, auch segon  leitet sich vom Lateinischen signandum ab: “Jemanden mit dem Zeichen des Kreuzes bezeichnen”, wodurch Personen oder Sachen Anteil an Gottes Kraft oder Gnade bekommen sollen.
  2. Der christliche Begriff “Segen” entspricht dem lateinischen Wort benedictio, abgeleitet von benedicere aus bene („gut“) und dicere („sagen“), also “von jemandem gut sprechen”, “jemanden loben, preisen”.
  3. Denselben Sinn untermauert auch die griechische Sprachwurzel eulogeo, bzw. eulogia. Sie bedeutet: “Gutes reden” und im neutestamentlichen Zusammenhang “Gute Worte von Gott über einen Menschen aussprechen” oder “Glück wünschen”. Ursprünglich wurde unter eulogia eine Lobesrede oder Lobeshymne verstanden.
  4. „Im Hebräischen stammt das Wort für Segnen von barak. Der Wortstamm bedeutet „knien“ und meint die hingebungsvolle Verehrung Gottes. Wenn Menschen Gott im Sinne von barak „segnen“, lässt sich das mit „loben, preisen oder anbeten“ übersetzen. Wenn Gott mit dem gleichen Wort gegenüber Menschen handelt, ist dagegen das klassische „Segnen“ gemeint.

Bedeutung von Segen

Nach breitem Konsens steht der Segen für lebensfördernde ”Heilskraft  oder heilschaffende Kraft“ 1 und zielt damit pragmatisch auf Lebenssicherung und Lebenssteigerung ab. Wer einer Person Segen zuspricht, wünscht ihr Glück und Wohlergehen oder auch Schutz und Bewahrung. Heutzutage wird “gesegnet sein” häufig verwendet, um Freude über eine Sache oder eine Situation auszudrücken. Segen spenden als auch empfangen kann sowohl Gott als auch der Mensch. Es können aber auch Sachen gesegnet werden.

Segen besitzt im Alten Testament und eingeschränkt im Neuen Testament meistens einen diesseitsbezogenen, hauptsächlich materiellen, Grundzug, der um geistliche Dimensionen ergänzt werden kann. Segen kommt in den frühen Schriften vom Menschen und von Gott, in den neueren Schriften nur noch von Gott. Er wird hier eindeutig zum Segnenden, während der Mensch oder Objekte und später das gesamte Volk zu Segensempfängern werden. Wenn Menschen, wie an wenigen Stellen beschrieben, Gott segnen, hat das meistens eine Reaktion Gottes zufolge: Er lässt Segen auf diesen Menschen oder das Volk zurückströmen.

Unterschiedliche Segensarten im Alten Testament

Gottes Bund als Grundlage des Segens

Der Segen Gottes war auf seinen Bund mit Abram, der danach Abraham hieß, gegründet. Gott verhieß ihm und seiner Frau Sarah trotz ihres hohen Alters einen eigenen Sohn – Isaak. In seiner Verheißung sprach Gott Abraham auch zu, dass durch Isaak 12 Fürsten entstehen sollen, die Isaak zu einem großen Volk machen sollten. Gemeint sind die 12 Söhne Isaaks, unter denen Isaak das Land aufteilte. Gottes Segen für Abraham bezieht sich hauptsächlich auf seine Fruchtbarkeit und die dadurch entstehende Nachkommenschaft. (Gen 12,3; Gen 28,14)

Materieller und politischer Segen – Der Segen des Erstgeborenen

Der Segen des Vaters für den Erstgeborenen kommt daher ursprünglich von Isaak und gründet auf dem Bund Gottes mit seinem Vater.

Aufgrund seines hohen Alters und seiner Blindheit segnete Isaak jedoch fälschlicherweise zuerst seinen Zweitgeborenen Jakob mit dem Segen, der eigentlich dem Erstgeborenen Esau zustand. Dieser “geraubte” Segen hatte dennoch seine Gültigkeit.

Und er war sehr wertvoll. Denn Segen war zu dieser Zeit ganz praktisch mit Gütern und politischer Macht verbunden. Der Segen des Erstgeborenen verhieß ihm den doppelten Erbteil, den Jakob erhielt. Esau reklamierte zwar, doch Isaak entschuldigte sich, er könne den einmal erteilten Segen, den Zuspruch zum Erbteil, nicht mehr umkehren: “Ich habe ihn gesegnet und kann es nicht mehr ändern – er wird gesegnet bleiben!” (1.Mose 27,33). Juda, der Viertgeborene erhielt als besonderen Segen dagegen die Führungsstellung und damit die politische Macht.

finanzieller segen

Der Jakobssegen

Als Jakob alt war, segnete er seine Enkel Ephraim und Manasse durch Handauflegung. Das war möglich, weil Jakob sie seinen Söhnen gleich machte, indem er sie nach heutigem Verständnis adoptierte (1. Mose 48,5). Manasse, der Jüngere, wird bewusst von Jakob zuerst gesegnet. Erst danach segnet er Ephraim. Josef erhält als Vorzugsrecht die Stadt Sichem zugesprochen. Im Anschluss segnet Jakob jeden einzelnen seiner 12 Söhne, die zu den Begründern der 12 Stämme Israels werden. Daher die Bezeichnung “Jakobssegen”.

Der Begegnungs- und Abschiedssegen

Jakob “erkämpft” sich im Ringen mit einem Fremden seinen “Begegnungssegen”. 1. Mose 32,27: “Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn” , was dieser Fremde dann auch tat. Auf diesen Ursprung geht wahrscheinlich unserer heutiger Reisesegen zurück.

Begegnungs- und Abschiedssegen

Bedingter und bedingungsloser Segen

Es besteht ein großer Unterschied zwischen den Segensformulierungen der Vätererzählungen im 1. Buch Mose  (Isaak, Jakob) und der Segensbeschreibungen im 5. Buch Mose, nachdem Mose die Gesetzestafeln Gottes erhalten hat.

Im 1. Mose geben die Väter ihren Segen aus ihrer Hand (nicht aus Gottes) persönlich, bedingungslos und meistens an einzelne Personen weiter. Der Gesegnete kann klar identifiziert werden.

Im 5. Mose wird dagegen beschrieben, wie Mose von Gott die Gesetze erhält. Im Gegensatz zum früheren unbedingten Segen, ändert sich hier die Segensweise: Gott gibt klare Bedingungen vor, wann Fluch und wann Segen erfolgt. Dieser “bedingte” Segen ist meistens an ein erwartetes Sozialverhalten oder das Erfüllen von Rechtsbestimmungen gekoppelt. Der Segensempfänger wandelt sich von der Einzelperson zum ganzen Stamm oder Volk, wie in 5. Mose 7,12 beschrieben:

“Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat”, ”Wenn du nun der Stimme des HERRN, deines Gottes, gehorchen wirst, dass du hältst und tust alle seine Gebote, die ich dir heute gebiete,  so wird dich der HERR, dein Gott, zum höchsten über alle Völker auf Erden machen.”

Hier wird konstant von Jahwe als Segensgeber gesprochen und nicht wie bei Jakob vom Segen durch den Menschen. Trotz dieser neuen Differenzierung bleiben die beiden Segensgeber vorerst nebeneinander bestehen.

Segen und Fluch

Zum Ende des 5. Mose wird die Gegenüberstellung Segen-Fluch und der Gegensatz von Leben / Glück / Gutem und Tod / Unglück / Bösem immer deutlicher formuliert.

5. Mose 28,1: “Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat und wird dich lieben und segnen und mehren…”

Der Segen wird damit noch stärker an das Befolgen von Gottes Geboten gebunden und dem Fluch für das Folgen anderer Götter gegenüber gestellt.

Segensinhalte – Worin wird man gesegnet?

  • materiell (Segen über Acker, Vieh und Nahrungsmittelversorgung) – 5. Mose 28,4f
  • persönlich (Fruchtbarkeit und Kindersegen) – 5. Mose 28,4
  • gesundheitlich – 5. Mose 7,15
  • machtpolitisch (Schutz vor und Sieg über Feinde) – 5. Mose, 17, 18ff
  • national (Segen für gesamten Stamm oder Nation) – 1. Mose 27 und 49

Der Aaronitische Segen

Gott befahl Mose, Aaron eine Segensformel zu übermitteln, mit der er künftig das israelische Volk segnen sollte. Heute kennen wir diese Formel als priesterlichen Segen (4. Mose 6,24-27). Der neue Bund durch Jesus Christus macht es möglich, dass er für alle Völker gilt. (Gal. 3,13-14)

Hiobs Segen

Segen des Hiob

Hiobs Segen steht in einer Linie mit dem Segnungsverständnis nach 5. Mose. Erst nachdem Hiob in Staub und Asche zu einer demütigen Haltung gegenüber Gott zurückfindet und dessen Größe anerkennt, segnet ihn dieser. Seine Segnungen drücken sich besonders durch verdoppelten Wohlstand aus, sind also materieller Art. Auf persönlicher und gesundheitlicher Ebene segnet ihn Gott mit demselben Zustand wie vor seiner Anfechtung. Seine Kinderzahl wird wieder in der ursprünglichen Zahl hergestellt und er “starb alt und lebenssatt.” Interessant dabei ist, dass weder Hiob noch sonst jemand für ihn den Segen erbeten hat, sondern Gott sich von ganz allein dafür entschied ihn zu segnen.

Segen in den Psalmen

Hier steht das gesegnete oder zu segnende Volk Israel oder die Psalmbeter im Mittelpunkt. Im Gegensatz zur Segen-Fluch Gegenüberstellung aus dem 5. Buch Mose wird immer stärker das souveräne Handeln und damit Segnen Gottes erfasst, das unabhängig vom menschlichen Verhalten erfolgt. So definiert diese vom Verhalten abgekoppelte Segensvorstellung die intakte Beziehung zum Schöpfer. Trotz aller Niederlagen, Rückschläge und Leiderfahrungen wird ähnlich wie bei Hiob an der Güte Gottes und seinem Willen seine Kinder zu segnen, festgehalten. Das wird von den Psalmisten proklamiert, erbeten und gefordert.

Segen wenn über Feinde gesiegt wird

Wer segnet?

Im Alten Testament war das Segnen Vorrecht der Hausväter. Er erfolgte durch Übertragung von Gütern und Macht.

Im Neuen Testament wird mit der Ausgießung des Heiligen Geistes jeder Gläubige dazu aufgefordert, ein Segen zu sein und zu segnen. Segen nach dem Verständnis des Neuen Testaments erfolgte durch gute Taten, die Gläubige an ihren Nächsten ausübten.

Im Mittelalter dagegen wurden sog. Segenssprecher mit Hexen und Gauklern in einen Topf geworfen, sodass es unter Strafe stand.

So kannst du zum Segen werden

  1. Mit Taten ein Segen sein (Menschen in Not helfen)
  2. Das segnen, was Gott segnet
  3. Alles im Vertrauen auf Gott tun und unsere Hoffnung auf ihn setzen (Jer. 17)
  4. Diejenigen Segnen, die dich verfluchen

Im Neuen Testament ändert sich das Segensverständnis umfassend.

Wie Jesus segnet und welche Veränderungen die Apostel einführen kannst du HIER entdecken.

Autor: Marco Schnell

Quellen

1Keller / Wehmeier, THAT 1, 355

https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/segen-segnen-at/ch/15cbcdc81115f1b948aaab2baf4a6ebe/
https://de.wikipedia.org/wiki/Segen
https://www.bibleserver.com/start
https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/segen-segnen-at/ch/15cbcdc81115f1b948aaab2baf4a6ebe/
https://de.wikipedia.org/wiki/Segen
https://www.bibleserver.com/start